100 Tage ohne Auto – Zwischenfazit

100 Tage autofrei

Die Schlange vor der Zulassungsstelle in Waiblingen schien endlos. Jeder wartete brav auf den säuberlich aufgeklebten Punkten auf dem Vorplatz. Immer darauf bedacht, niemandem zu nahe zu kommen. Hier und da entstanden Gespräche zwischen den Wartenden. Insgesamt war die Stimmung aber gedämpft, wie so oft in diesem Jahr. Nach einer guten Stunde war es dann geschafft. Die staubigen Kennzeichen der C-Klasse in der Hand haltend verließ  ich mit einer Mischung aus Triumph und Unsicherheit das Gebäude. War’s das jetzt echt? Kein Auto mehr!? Der Schritt, zwei Tage zuvor wohl überlegt aus einer Laune heraus am Esstisch gefasst, mutete plötzlich gar zu monströs an…

Seit diesem Donnerstag Ende Juli sind ganz genau 100 Tage und über 1800km vergangen.

Feuertaufe – Mit dem Zug ins Allgäu

Anfang August traten wir unseren Urlaub mit zwei Rädern und einem Kleinkind per Zug an und verlebten eine abwechslungsreiche Woche im Allgäu. Von Waiblingen zum Hauptbahnhof in Stuttgart radelt man gemütlich in einer guten halben Stunde. Das ist eine wirkliche Alternative zur S-Bahn oder dem Auto. Dabei staunte ich nicht schlecht über die Radlermassen, die sich durch den Schlosspark und die City wälzten. Die Landeshauptstadt wird Fahrradstadt.

 

Lastenrad mit Urlaubsgepäck

Fahrräder und (Fern-)Züge vertragen sich nach wie vor nicht besonders gut. Vom Gleis ins Abteil sind es meist zwei bis drei Stufen und die Räder sollen oft senkrecht gelagert werden. Das geht vielleicht mit einem Carbon-Renner, aber ganz sicher nicht mit einem schweren Ebike. Da gibt es noch Nachholbedarf. Auch das Umsteigen empfand ich als ganz schön stressig, obwohl wir die Umsteigezeiten in Ulm großzügig geplant hatten. Aber mit einem Kind auf dem Rücken zwei bepackte Fahrräder an Vorder- und Hinterende des Waggons einzuladen ist eben nichts für schwache Nerven, zumindest nicht wenn der Zug nur zwei Minuten hält. Vielleicht war das auch etwas überambitioniert für Anfänger wie uns und wir hätten nicht gleich mit einem schweren Lastenrad starten sollen… Jedenfalls wurde das Optimierungspotenzial schon ausgemacht und wird bis zur nächsten Reise umgesetzt.

Von Kempten aus fuhren wir 16km und 300hm weiter ins beschauliche Oy. Die Dinge des täglichen Bedarfs lagen alle im Umkreis von maximal 10km und wenn die Parkplatzsuche an den Sehenswürdigkeiten entfällt, ist es doppelt schön. Richtig ätzend waren allerdings die Überholmanöver mancher Autofahrer, die uns inner- wie außerorts so dicht überholten, dass wir gegen die Scheibe hätten klopfen können. Das war wirklich übel! Verbale Entgleisungen (meinerseits) inklusive. Zwar waren kannten wir diese Spezies Kraftfahrer schon und sie sind auch ganz klar in der Minderheit, aber auf der Landstraße mit Tempo Ü70 bekommt das ein ganz andere Qualität.
Ganz allgäutypisch hatte wir keine sieben Tage Sonnenschein, sondern durchaus auch nasskalte Tage. Mit Regenhose, einer wasserdichten Jacke und Schuhüberziehern war alles paletti. Regen ist eine Frage der Haltung und die Wetter-App dein Freund! Das wollte ich schon immer mal sagen, aber fragt mich Frostbeule das nochmal nach dem Winter.

Gartenarbeit geht auch ohne Kombi – #carryshitolympics

Gegen Ende des Sommers war der Heckenschnitt fällig. Bisher wurde der, ganz klar, mit dem Auto zum Häckselplatz gefahren. Die anschließende Grundreinigung war obligatorisch. An dieser Stelle punktet das Fahrrad auf ganzer Linie: Blätter und Äste in den Sack, ab auf den Fahrradanhänger (auf den im Zweifel 2x 120l passen) und zum Grüngut gedüst. Der Sammelplatz liegt zwei Kilometer entfernt und mit dem Rad bin ich, Schleichwegen sei Dank, sogar schneller als mit dem Auto. Dass die anschließende Reinigung entfällt, muss ich wohl nicht erwähnen. Ein Auto brauchen Gartenbesitzer also nicht zwingend.

Grüngut mit dem Fahrrad entsorgen

Mit dem Rad zur Arbeit – #mdRzA

Seit nun acht Wochen pendle ich wieder an drei bis vier Tagen in der Woche nach Schorndorf. Das macht im Schnitt 120-160km pro Woche reinen Arbeitsweg. Die Rems entlang ist das gar kein Problem, noch dazu mit Rückenwind. Allerdings ist es schon ein kleiner Zeitfresser. Für eine Strecke brauche ich zwischen 45 und 50 Minuten. So verbringe ich bis zu sechs Stunden im Sattel.

Auch wenn das im Vergleich mit dem Auto (20min door2door) viel ist, überwiegen für mich aktuell die Vorteile. An Bewegung mangelt es mir nicht, ich kann viel frische Luft tanken und komme morgens trotz Dunkelheit, immer ziemlich gut gelaunt am Arbeitsplatz an. Hörbücher oder Deutschlandfunk vertreiben mir die Zeit. Ich war noch nie so gut informiert wie jetzt.

Wie mein Rad und ich durch die kalte Jahreszeit kommen, wird sich zeigen. Der erste Testlauf bei 2°C und Nebel fand bereits statt und deckte Lücken im Bekleidungskonzept gnadenlos auf. Zum Glück ist mein Bahnabo erst auf Ende Januar gekündigt! Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass ich nicht auf den ÖPNV ausweichen muss.

Ein Geständnis zum Schluss: Aus reiner Bequemlichkeit war ich zu drei Zusatzterminen mit einem geliehenen Auto und zu einem mit der Bahn in Schorndorf. 100 Minuten Fahrzeit pro Termin standen einfach nicht im Verhältnis zur Aufenthaltszeit. 

Fazit:
Allen Unkenrufen zum Trotz leben wir noch! Bis auf den Sommerurlaub hat sich gar nichts geändert. Das fahrbereite Auto in der Garage, seit sieben Monaten unbemerkt ohne  TÜV, diente nur dem eigenen Sicherheitsgefühl.

2 Kommentare

  1. Ich finde das eine sehr mutige Entscheidung. Bin leider (noch) zu feige für diese Entscheidung.

    • Remstalkind

      Danke, Iris.
      Es fühlt sich auch bei mir noch seltsam an. Da sieht man mal, wie stark wir aufs Auto sozialisiert sind. Dann sage ich mir immer: Wenn es bei uns etwas im Überfluss gibt, sind es Autos! Manche haben sogar so viele, dass sie sie verkaufen 🤣

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