Leben mit Longtail 2 – ein Lastenrad zum Pendeln

Die absolut meiste Zeit verbringe ich auf dem Longtail beim Pendeln. Zeit genug, das Fahrrad auf Herz und Nieren zu prüfen. 

Mitnahme in der Bahn – Geht nur barrierefrei

Das Multicharger ist 197cm lang und passt damit wie erhofft perfekt ins Fahrradabteil der S-Bahnen und neuen Regios mit ebenerdigem Einstieg (GoAhead). Nur reinkommen muss man erst. An barrierefreien Bahnhöfen geht das ohne Probleme. Die Bahnsteige im Remstal sind aber alles andere als das. Für meinen Arbeitsweg kommen die Startbahnhöfe Rommelshausen und Waiblingen infrage. Rommelshausen fällt ganz raus. Keine Chance, das beladene Rad über den Spalt und den Absatz zu heben. Nicht umsonst schafft es diese Haltestelle in der letzten Zeit häufiger in die Lokalpresse.

In Waiblingen hingegen ist der Unterschied zwischen „Zug und Bahnsteigkante“ für mich und die Schiebehilfe überwindbar, wären da nicht die Aufzüge. Fällt einer aus, komme ich ohne fremde Hilfe definitiv nicht in den Zug. Mir tut heute noch der freundliche Mann leid, der mit mir im Schweiße seines Angesichts das Multicharger auf den Bahnsteig getragen hat. Für den Alltag ist mir das zu stressig. Aus diesem Grund währten meine intermodalen Bahnpendlerfreuden auch nur drei Wochen. 

Multicharger in der SBahn

Das Multicharger als Pendlerrad

Seit Ende des Lockdowns lege ich meinen 2x20km Arbeitsweg also statt mit den Öffentlichen mit dem Fahrrad zurück. Wahrscheinlich sollte ich dankbar für Corona und den Investitionsstau in der Bahninfrastruktur sein. Andernfalls hätte ich den Sprung vom Bahn- zum Radpendler vermutlich nie gewagt.

Das Multicharger erweist sich dabei als extrem zuverlässiger Partner. Naja, bei Kilometer 750 löste sich mein Hinterreifen mit einem Kanonenschlag in Wohlgefallen auf. Zum Glück nicht auf halben Weg, sondern „nur“ zwei Kilometer von der Arbeitsstelle entfernt. Trotzdem macht es keinen Spaß, diesen Kaventsmann mit plattem Hinterrad durch die Morgensonne zu schieben. Seitdem ist aber Ruhe und ich hatte keine Ausfälle mehr. (Update – Kilometer 4900: Schaltzug gerissen, 7km schieben; Kilometer 5200: Hinterrad platt, 5km schieben)

Riemenantrieb & stufenlose Nabenschaltung – Sorgenfrei glücklich

Das liegt sicher auch am Riemenantrieb. Laut Hersteller soll er 10 000km wartungsfrei laufen. Nach bald 5000km kann ich dem bisher nur zustimmen. Würde ich meine Arbeitsstrecke mit Kette fahren, müsste ich mich sicher jede Woche um sie kümmern. So kommt ab und zu ein Eimer Wasser ans Rad, um den gröbsten Schmutz zu entfernen. Den Gates Riemen würde ich immer wieder kaufen, auch wenn er rund 200€ mehr kostet. Die Sorglosigkeit ist für mich unbezahlbar und da ich im Regelfall keine extremen Steigungen zu überwinden habe, juckt mich der Leistungsverlust gegenüber einer Kette nicht. Wenn ich hingegen vollbeladen über den Schurwald muss, ist das gleich eine ganz andere Nummer. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Auch die stufenlose Nabenschaltung möchte ich nicht mehr hergeben. Ich gebe es an dieser Stelle offen zu: Vor der Ampel runterschalten, gehört nicht zu meinen Stärken. Wenn dann noch eine Steigung folgt, bin ich verloren. Die Enviolo lässt sich in begrenztem Umfang auch im Stand schalten. Für Schaltmuffel wie mich also perfekt.

Motor – Stark und laut

Die Motorisierung des Longtails übernimmt ein Bosch Performance Line CX der zweiten Generation. Wohl und Wehe kann ich nur sagen. Er bringt das Rad mit maximal 75Nm und 300% Unterstützung kraftvoll und leider auch lautstark auf Geschwindigkeit. Wenn bei 25 km/h Schluss mit der Unterstützung ist,  macht es keinen Spaß, gegen den Motor anzutreten. Kennst Du Traktorpulling? In etwa so fühlt es sich an. Für mich sind höhere Geschwindigkeiten somit nur kurzzeitig möglich, wenn ich beispielsweise einen anderen Radfahrer über holen muss. Ego und so… Deswegen liegt meine Pendlerstrecke von 2 x 20km auch an der oberen Grenze dessen, was ich mit dem Longtail fahren möchte. Unter 47min kann ich die Strecke nicht bewältigen. Denkbar wäre zwar die S-Pedelec-Variante, doch damit darf man wiederum keine Kinder transportieren und somit kommt das für mich nicht in Frage.

Generell würde ich bei einem Lastenrad immer die stärkste verfügbare Motorvarianten wählen. Das Longtail ist mit seinen 43kg kein Fliegengewicht und das merkt man auch. Der Umstieg vom Auto aufs Rad gelingt aber nur, wenn die Hemmschwellen niedrig sind. Sprich, wenn es richtig Bock macht, aufs Rad zu steigen. Muss man sich abmühen, bleibt das Rad stehen.

Im neuen Multicharger ist mittlerweile ein Gen 4 verbaut. Damit dürfte sich der Widerstand jenseits der Unterstützung erledigt haben. Mir ist auch nicht klar, weshalb der aktuelle Motor nicht schon im 2020 Modell verbaut wurde. Das Rad ist schließlich kein Schnäppchen!

Akku – Doppelte Power

Das Rad verfügt über 1000Wh Akkukapazität und hängt jede zweite Nacht an der Steckdose. Der Akku ist dann noch fast halb voll. Ich bin damit zirka 80-90km auf der Ebene und einem Gesamtgewicht von guten 100kg gefahren. Ob der zweite Akku nun unbedingt sein muss, ist sicher Typsache. Mir über die Reichweite quasi keine Gedanken machen zu müssen, macht die Streckenplanung entspannt.

26“-Bereifung – Läuft!

Durch die 26“-Reifen läuft das Longtail auch gut vorwärts. Die meisten anderen Lastenräder haben kleinere Reifen und somit einen niedrigeren Schwerpunkt. Im Lastbetrieb ist das sicher von Vorteil, da kleinere Reifen auch wendiger sind. Auf meiner Pendlerstrecke fresse ich aber auch viele Kilometer, somit waren für mich 20“-Reifen keine Alternative.  Ich schätze die größere Laufruhe der 26er

Das Rad fährt sich bei trockenen Asphalt mit den Schwalbe Big Ben Plus gutmütig. Sobald aber etwas Schotter, Matsch oder gar Schnee auf dem Weg liegt, schwimmt es sofort. Bisher bin ich zum Glück nur einmal mit dem Multicharger gestürzt: Anfang Dezember gab es einen kurzen Wintereinbruch und ich war vor dem Räumfahrzeug in der Dunkelheit unterwegs. Ja, zwischen Waiblingen und Schorndorf wird der Remstalradweg geräumt. Ich bin begeistert! In einer langgezogenen Rechtskurve hatte ich geträumt und schon lag ich auf dem Hintern. Ich erwäge nun, Winterreifen aufzuziehen…

Bremsen – Etwas schwachbrüstig

Am Multicharger ist hinten die Magura MT4 180mm Zweikolbenbremse mit Comfort-Belägen verbaut und vorne die Magura MT5 180mm Vierkolbenbremse. Und egal wen ich mit dem Rad bisher fahren ließ, der Tenor war stets derselbe: „Die Bremsen sind ein bisschen schwach, gell?“ Ja, es bremst sich damit wie mit einer Gummikuh. Für mein persönliches Sicherheitsgefühl ist das nichts. Deswegen tauschte ich die Comfort-Beläge gegen einen Racing-Belag (8.R) an der Vorderbremse und einen Performance-Belag (9.P) am Hinterrad.  Zwar nutzen sich die Beläge und die Bremsscheiben dadurch schneller ab und eine Klingel brauche ich eigentlich auch nicht mehr, aber die Bremse spricht viel besser an. Gerade in beladenem Zustand fühle ich mich damit viel sicherer als zuvor. 

Beleuchtung – Gut in der Stadt, über Land eher mager

Die Supernova Mini leuchtet den Weg im Stadtverkehr gut aus. Mein Arbeitsweg führt mich allerdings weite Teile der Strecke über unbeleuchtete Feldwege. So viel zum Angstthema „Frauen auf unbeleuchteten Feldwegen“! Da wäre eine Fernlichtoption ganz nett gewesen. Mittlerweile kenne ich meine Strecke (Hallo dunkel gekleidete Nordic Walkerin! Hallo ihr zwei Liegeradfahrer! Hallo roter Hund und blauer Hund!) und vermisse es zumindest auf dem Arbeitsweg nicht mehr. 

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